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Feuerwerk über dem Zollverein

Während die 200.000 Besucher in den Zauber der Industriekultur eintauchten, lud der Causales-Buisiness-Club und die Ruhr-Tourismus GmbH zu einem Empfang auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein, in den Erich-Brost-Pavillon ein.

Fachbeitrag

Kulturmetropole Ruhr – Vitaler denn je

Prof. Dr. Oliver Scheytt, Geschäftsführer RUHR.2010 GmbH


RUHR.2010 und Integration

Mit den Erfolgen der Kulturhauptstadt Europas ist im Ruhrgebiet ein neues Bewusstsein entstanden für eine Gesamtheit der Metropole Ruhr. Uns kam es darauf an, dass die Menschen hier ihre Region als Kulturraum begreifen und sich selbst als Nutznießer und Akteure darin sehen.
Wir sind sicherlich die Kulturhauptstadt Europas, die das kultur- politische Leitbild einer „Kultur für alle und von allen“ in der Praxis auch umgesetzt hat. Tausende sind selbst zu Akteuren geworden, haben ihre Alltagskultur gelebt und eingebracht. Von den Feuilletons wurde das anfangs eher belächelt. Inzwischen haben selbst hartgesottene Vertreter der sogenannten Hochkultur ein- gestanden, dass vor allem die Großveranstaltungen einen wichtigen Beitrag zu einem neuen Kulturbewusstsein geleistet haben, das sich auch in Zukunft nicht nur in Nutzungszahlen nieder- schlägt, sondern auch in der politisch wirksamen Zustimmung der Bürger für mehr Kultur in der Metropole Ruhr. Die Menschen haben sich mehr mit ihrem Lebensraum identifiziert. Die Identität stiftenden Großveranstaltungen wie die Eröffnungsfeier, SchachtZeichen mit 311 großen Ballonen, die Ende Mai ehemalige Zechenstandorte markiert haben, der !SING DAY OF SONG am 5. Juni mit 600 Chorkonzerten und Still-Leben Ruhrschnellweg auf 60 Kilometern gesperrter Autobahn sind die bekanntesten Ereignisse. Sie haben sich in den Köpfen und Herzen, nicht nur der Ruhris, festgesetzt. Die Menschen innerhalb und außerhalb des Ruhrgebiets sehen diesen Ballungsraum mit neuen Augen. Unser Programm mit über 5.000 Veranstaltungen beinhaltete aber auch viele künstlerische Projekte, die aktuelle gesellschaftliche Fragen gestellt haben. Das Ruhr-Atoll hat die Frage nach dem Umgang mit unserer Umwelt, Klima und Energie aufgeworfen. In den Veranstaltungen unter dem Label MELEZ ging es darum, wie wir mit dem Bevölkerungswandel umgehen, insbesondere im Hinblick auf nachwachsende Generationen, die durch Migration und kulturelle Vielfalt geprägt sind. In Theaterprojekten wie Next Generation, Pottfiction oder Odyssee Europa wurde thematisiert, wie die Menschen sich in der zunehmend globalisierten und medialisierten Gesellschaft zurechtfinden. Was kann uns in den realen und virtuellen Räumen Orientierung geben? All diese Fragen sind längst nicht beantwortet, sondern wirken fort und werden in Zukunft erneut aufgegriffen.

Budgetäre Situation

Glücklicherweise hat es im Jahr 2010 nicht so viele finanzielle Einschnitte gegeben, wie dies angesichts der Finanzkrise zu erwarten gewesen wäre. RUHR.2010 hat als Schutzschirm gewirkt, aber auch neue Potenziale freigesetzt. Besonders hilfreich war die vom Land NRW im Herbst beschlossene Pauschale von 2 Euro pro Einwohner für die Beteiligung der Kommunen an der Kulturhauptstadt. Diese zusätzlichen 10,5 Millionen Euro waren außerordentlich wichtig. Nicht nur für die Beteiligung der Städte, sondern auch für die Finanzierung vieler einzelner Vorhaben. Auch Sponsorengelder in Höhe von rund 20 Millionen Euro wären ohne die Kulturhauptstadt nicht mobilisiert worden.

Erfreulicherweise haben das Land NRW und der Regionalverband Ruhr zugesichert, ab 2012 jeweils 2,4 Millionen Euro für die Finanzierung der Nachhaltigkeitsstrategie von RUHR.2010 zur Verfügung zu stellen.

Besonders erfreulich ist, dass das Großprojekt „Jedem Kind ein Instrument“ (JEKI), das ja ebenfalls durch die Kulturhauptstadt ausgelöst worden ist und viele Millionen Euro für die kulturelle Grundversorgung von jungen Menschen in Bewegung gebracht hat, auch in den nächsten Jahren von der Kulturstiftung des Bundes, dem Land und den Städten finanziert wird. Dieses Projekt ist übrigens auch ein Beispiel für eine Innovation: Kaum ein anderes Projekt hat die Musiklandschaft in den letzten Jahrzehnten so verändert wie JEKI. Die Evaluation dieses Programms ist im Übrigen dringend erforderlich, denn bei allem Enthusiasmus muss das in diesem Projekt Gelernte für die zukünftige Gestaltung der musikalischen Bildung ausgewertet und in Kurskorrekturen umgesetzt werden.

Nachhaltigkeit und Nachfolgeträgerschaften

Mit dem Gesamtprogramm von RUHR.2010 ist sichtbar geworden, welche reichhaltige kulturelle Infrastruktur die Städte in der Metropole Ruhr aufgebaut haben und unterhalten, die mit rund 400 Millionen Euro jährlich gefördert wird. Nachhaltige Wirkung zeigen die neuen Bauten, wie das Museum Folkwang, das Ruhr Museum auf Zollverein, das Dortmunder U und eine kulturtouristische Infrastruktur. Wir haben das Ruhrgebiet auf der Land- karte Europas neu positioniert und konnten – das belegen auch Umfrageergebnisse – dem Imagewandel der Metropole Ruhr Schubkraft geben.

Eines der wichtigsten neuen Netzwerke ist die Zusammenarbeit der 20 RuhrKunstMuseen. Diese Arbeit geht weiter. Hierfür stehen schon ab diesem Jahr zusätzliche Gelder aus dem Programm „Tourismus“ zur Verfügung. Die Museen setzen ihre gemeinsame Vermittlungsarbeit und die Ausstellungskooperationen fort. Das gleiche gilt für die Kunstvereine und Künstlerbünde sowie für das Netzwerk der 14 Städte entlang des Rhein-Herne-Kanals, die diesen als KulturKanal neu in Wert gesetzt haben. Im Bereich der Kulturwirtschaft haben wir Branchenkommissionen gebildet für Design, Computerspiele, Musikproduktionen etc. All diese Beispiele belegen, dass diese Netzwerke im Sinne einer Culture Governance die vorhandenen Potenziale aktivieren können. Dazu bedarf es eines Netzwerkmanagements, einer permanenten Anregung des Austausches und der Projektarbeit.

RUHR.2010 konzipiert und realisiert zurzeit gemeinsam mit dem Regionalverband Ruhr und dem Land NRW den Transfer der nachhaltigen Programmbausteine. Unsere Vorstellung zielt darauf ab, die Kultur Ruhr GmbH, deren Gesellschafter das Land NRW und der Regionalverband Ruhr sind, mit dieser Aufgabenstellung zu betrauen. Die Gesellschaft hat mit der RuhrTriennale eine hochqualifizierte Aufgabe in den letzten zehn Jahren mit einer Reihe herausragender Künstlerpersönlichkeiten erfüllt. Sie erscheint uns bestens in der Lage, die Netzwerkarbeit, die von unterschiedlichen Kuratoren wahrgenommen werden sollte, ebenfalls mit der Zielsetzung der Exzellenz wahrzunehmen. Wenn diese Netzwerke auch noch genreübergreifend zusammenarbeiten und in Bewegung gebracht werden, kann ein neuartiges Modell für Kulturproduktion und -vermittlung generiert werden, das modellhaft für Europa ist.

Doch noch ist das Kirchturmdenken nicht nur bei einigen Oberbürgermeistern und Entscheidern, sondern auch bei vielen Kulturpolitikern sehr stark. Das Ruhrgebiet ist nun einmal von Konkurrenz geprägt. Im Fußball ist dies besonders deutlich. In der Kultur gibt es indes immer mehr ein Zusammenspiel. Mit dem Perspektivplan und dem Masterplan für die Kulturmetropole Ruhr hat es aber auch einen langen Prozess der Diskussion über gemeinsame Ziele und Profile gegeben. Das Jahr 2011 wird das entscheidende Jahr für die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt sein. Erst in diesem Jahr wird sich die Lernfähigkeit aller Akteure beweisen. Doch es zeichnet sich jetzt schon ab: Das Kulturhauptstadtjahr ist zwar vorbei, doch die Kulturmetropole Ruhr ist vitaler denn je.

Dieser Beitrag wurde im Jahrbuch Kulturmarken 2012 veröffentlicht.