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Innovationskongress „Zukunftslabor Musik © Thomas D. Spitzenberger

Interview

Die Welt kann verändert werden

Dr. Birgit Schneider-Bönninger über das Denken in Alternativen in der Kultur

Frau Dr. Schneider-Bönninger, Sie haben das Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart, das Sie seit viereinhalb Jahren mit einem Feuerwerk an Ideen leiten, in „Zukunftslabor“ umbenannt. Warum?

Ich sag’s mal mit einer Metapher: Der Kessel steht unter Druck – im Ernst: die Stadt steht vor enormen Herausforderungen, für die Lösungen entwickelt werden müssen. Gleichzeitig ist am Innovationsstandort Stuttgart eine Aufbruchsstimmung spürbar, wodurch für die Kultur der Weg vom Kulturamt zum Innovationspool eigentlich vorgezeichnet war. Kurzum, die Zeit war reif für ein neues Selbstverständnis – hin zum Labor und Ideenpool.

Und dieses Labor experimentiert auch viel mit Digitalisierung?

Auf jeden Fall. Kultur ist ein Seismograph für Zeitströme. Wir leben in einer beschleunigten Zeit und die technologische Dynamik macht natürlich auch vor der Kunst und Kultur nicht halt. Das Zukunftslabor Kultur versteht sich sowohl als Treiber als auch als Korrektiv technologischer Grenzüberschreitungen. Mit partizipativen Kunstinstallationen und der Vermittlung digitaler Kompetenz möchten wir hinweisen auf die Mitgestaltungsmöglichkeiten in der digitalen Gesellschaft und jeden Einzelnen ermuntern, zum digitalem Souverän zu werden. Wir wollen die Wechselwirkungen zwischen analoger und digitaler Welt in allen Kultursparten analysieren und testen.

Wie also ist Ihr Verständnis von Kultur?

Ich definiere Kultur in erster Linie als Kultur des Zusammenlebens, als eine Art „Stadtgespräch“, das viele Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Nationalitäten und Berufe zusammenbringt, und war so, dass möglichst viele ihre Ideen, Bedürfnisseund Visionen einbringen können.

Mit anderen Worten: Kultur für alle?

Unbedingt. Wir sehen das Zukunftslabor als rundum demokratischen Prozess. Die partizipative Planung rund um das Hegelhaus in der Stadtmitte ist dafür ein Beispiel. Die Schlüsselfrage lautet: Wie eignet man sich Hegel im 21. Jahrhundert an? Wie verankert man den Philosophen besser im Stadtgedächtnis? Was können wir in unserer Zeit mit seinem Begriff von Freiheit anfangen? Dafür wenden wir uns an die Menschen der Stadt, vor allem an junge Menschen und Studierende, die ihre Ideen und Utopien einbringen können.

Wohl nicht von ungefähr ist ein Beiwort für Ihr Zukunftslabor auch „Amt für Utopien“…

Ein sehr schöner Spitzname. Denn genau das ist das Ziel: das Zukunftslabor stößt Innovationen

an, stiftet an zur Utopie. Kunstproduzenten werden Stadtproduzenten und erobern den öffentlichen Raum.

Wie gelingt es Ihnen, Ihre rund 800 Mitarbeiter für dieses neue Denken zu gewinnen?

Die Idee der Transformation ist ansteckend. Tatsächlich verstehen sich alle Abteilungen als Zukunftstreiber, die neue Technologien und innovative Formate in ihrer ganzen Bandbreite ausprobieren. In ihren städtischen Abteilungen treiben sie den Transformationsprozess voran, der Menschen immer wieder aufs Neue mit überraschenden, einzigartigen und nachhaltigen Momenten berühren will. Dass jetzt immer mehr Formen aufgebrochen werden, finde ich überaus positiv. Wir brauchen diese Aufbrüche im Amt. Deshalb haben wir als Amt das visionäre Primat ausgerufen.

Das klingt sehr positiv –

Ja, ich sehe die Entwicklung optimistisch. ‚Die Welt kann verändert werden!‘ proklamierte im vergangenen Jahrhundert der Vater der Zukunftsforschung, Robert Jungk. Auch ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich Zukunft kreativ gestalten lässt und dass Kultur dabei eine wesentliche Rolle spielt.

Dennoch droht die Gesellschaft sich immer mehr zu spalten. Wie sehen Sie die Rolle des Zukunftslabors innerhalb dieser brisanten Entwicklung?

Kultur ist letztlich das, was die Menschen wirklich zusammenhält, Kultur ist Movens für Integration und Dialog. Wir bringen Menschen aus allen Milieus, Generationen und Nationen zusammen, die sich über mögliche Zukünfte austauschen und Vielfalt als Chance begreifen. Der ständige Dialog ist im Zukunftslabor gelebtes Prinzip.

Was bedeutet es für Sie, Ende vergangenen Jahres den renommierten Europäischen Kulturmarken-Award in der Kategorie „Preis für Stadtkultur“ erhalten zu haben?

Wir waren positiv überrascht, dass wir diese Auszeichnung gleich im ersten Jahr unseres Bestehens als Zukunftslabor erhalten haben. Die Auszeichnung ist Ansporn, unseren Weg, auf dem wir mit Zukünften experimentieren, weiterzugehen und auszubauen. Kulturumfragen, Innovationskongresse und Diskurse werden Schwerpunkte bilden, die Eroberung, die Bespielung des öffentlichen Raums ist ein weiteres Thema. Es geht letztendlich immer um das Zusammenleben in der Stadt, das gerade Kultur immens befördern kann.

Apropos Zusammenwirken … Sie arbeiten eng zusammen mit Wissenschaft und Wirtschaft …

Diese umfassende Vernetzung und der produktive Austausch mit der Wirtschaft und Wissenschaft sind mir sehr wichtig. Beide Partner sind wesentliche Impulsgeber und nicht zuletzt Ermöglicher neuer Formate, etwa wenn wir technologische Grenzüberschreitungen vorantreiben oder korrigierend auf sie einwirken wollen.

Gibt es ein Motto, das Sie besonders umtreibt?

Ein fixes Motto gibt es nicht. Wir wollen Neugierde provozieren. Das haben wir uns ganz besonders auf die Fahnen geschrieben. Für jede Innovation braucht es Neugierde. Das heißt, wir wollen diese Entdeckerfreude bei den Menschen wieder wecken. Was mir bei unserem Prozess wichtig ist: Wir wollen immer das Denken in Alternativen anstoßen. Es gibt nicht nur eine Zukunft. Es gibt diese und jene Möglichkeiten. Nichts muss so bleiben, wie es ist.