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Fachbeitrag

Kulturelle Bildung – mehr als nur Qualifizierung in den Künsten, sondern wesentliche Voraussetzung zur Bewältigung globaler Herausforderungen und Verbesserung unserer Bildungssysteme

Auf globaler Ebene sehen sich die Menschen großen Herausforderungen gegenüber, wie Klimawandel und technologischer Disruption. Kann die kulturelle Bildung Beiträge leisten, zentrale gesellschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten und zu lösen? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? In der Covid-Krise sind viele Defizite unseres Bildungssystems sichtbar geworden. Hat die kulturelle Bildung hier die Möglichkeit, positiv einzuwirken?

Für die Lösung von Zukunftsfragen sind unsere Bildungssysteme zu Teilen mangelhaft aufgestellt. Die Schulen entstanden zu Beginn der Industrialisierung und hatten die Aufgabe Produktions- und Konsumsubjekte zu schaffen, die den neuen Dimensionen des Wirtschaftens und somit dem Fortschritt gerecht werden konnten. Es war also folgerichtig, eine einheitliche Normierung der Lehrinhalte und der Lernziele zu schaffen. Seit den 1970er Jahren sind mehrere Einflüsse simultan am Werk, die bewirkt haben, dass ein bis dahin, auf die jeweiligen gesellschaftlichen Ziele bezogen, erfolgreiches Bildungssystem mittlerweile als nicht mehr zeitgemäß gelten muss.

  1. Die spätmoderne Verschiebung von einer Erwartung des Allgemeinen zu einer Erwartung des Besonderen (nach Andreas Reckwitz).
  2. Die Erkenntnis, dass die Industriekultur unsere natürlichen Ressourcen zerstört und so unser Überleben als Art gefährdet.
  3. Die technologische Disruption die in ihrem Entwicklungstempo, Insbesondere in ihrer Kerntechnologie der Digitalisierung, die Grenzen menschlicher Kontrolle aufzeigt.


Unsere Bildungssysteme kranken an der Nivellierung der individuellen Talente durch die Zielbeschreibung eines für alle gültigen Durchschnitts. Für die industrielle Moderne war dieser Ansatz erfolgreich, für die Bedürfnisse der Spätmoderne mit den beschriebenen Herausforderungen erscheint dieser Ansatz nicht erfolgversprechend.

Es gilt daher, eine Bildungsutopie zu kreieren, die es dem Individuum ermöglichen soll, die jeweils eigenen Talente optimal auszubilden und so eine den Menschen inhärente Begabung zur Problemlösung anwenden zu können. Dies meint auch die Anpassung an eine Umgebung, die von Menschen weniger die Unterordnung unter eine kollektive Norm, sondern die Entdeckung und Entwicklung der Individualität erwartet, um konstruktiv in der Gesellschaft wirksam werden zu können.

An diesem Punkt setzt die kulturelle Bildung in ihrer Arbeit und ihren Beiträgen an. Im Unterschied zur Pädagogik spricht die Kunst den Menschen bei seinen Potentialen und seinen bereits erworbenen Fähigkeiten an, ist also nicht defizit- sondern chancenorientiert. Denn der künstlerische Raum ist offen und wird im Prozess erst gestaltet. Kunst geht mit dem Menschsein um und ermöglicht erst die Kreation von noch nicht Vorgestelltem und Definiertem.

Gerade für die Lösung vom Problemlagen, die eine völlig neue und fiktionale Vorstellung von der Wirklichkeit erfordern, also die Kreation einer Erzählung der Potentiale, erfordert die Übung und Akzeptanz im allgemein zugänglichen Bildungskanon. Wir benötigen auch künstlerische Erfahrungshorizonte, um unsere Herausforderungen bestehen zu können.