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crescendo
Interview

Klassische Musik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen - Interview mit Axel Brüggemann und Winfried Hanuschik, crescendo

crescendo erscheint im Verlag Port Media/München im 10. Jahrgang und erreicht mit einer geprüften Verbreitung von über 80.000 Exemplaren etwa eine Viertelmillion kulturaffine Leser pro Ausgabe. Damit gehört crescendo zu den relevantesten Kulturmagazinen im deutschsprachigen Raum. crescendo erscheint jährlich siebenmal, davon eine Ausgabe als Themenspecial „crescendo Festspiel-Guide“.

Lorenz Pöllmann von der Agentur Causales sprach mit crescendo-Chefredakteur Axel Brüggemann und dem Herausgeber Winfried Hanuschik über Lifestyle, das Verhältnis von Kunst und Klassik und über Plakate, die Musik machen.

Pöllmann: Begründen sich die Schwierigkeiten der klassischen Musik, neues Publikum zu generieren, in einem Marketingproblem oder in einem Bildungsproblem?

Hanuschik: Es gibt doch gar keine Schwierigkeiten, ein neues Publikum zu gewinnen! Das ist eine Situation, die viele der
Klassik einreden wollen. Tatsächlich ist sie eines der konstantesten Segmente der Kultur – und expandiert immer weiter. Das Publikum ist längst da, in Deutschland besuchen mehr Zuschauer Konzert- und Opernaufführungen als Spiele der Fussball-Bundesliga. Und inzwischen erkennen auch Unternehmen und Werber dieses Potential.

Brüggemann: Die Frage ist doch, warum ist die Klassik so im Kommen? Weil man hier etwas finden kann, was im Alltag nicht so leicht zu haben ist: Besinnung, Tiefe und Spaß an der Ernsthaftigkeit. Kurz: Wahrhaftigkeit. Und genau darum geht es auch in crescendo.

Pöllmann: Sie wollen sagen, die Klassik ist ihrer Zeit voraus?

Hanuschik: Wenn man von Lifestyle spricht, verkörpert die Klassik den Lebensstil der Zukunft. Und sie kann das, weil sie gleichzeitig der Tradition verpflichtet ist. Klassik und Moderne schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Jedes Design will auf der einen Seite klassisch sein und auf der anderen gleichzeitig modern. Diesen Spagat hat die Musik schon immer beherrscht, ja er macht ihren Reiz aus. Deshalb holen wir in crescendo die klassische Musik aus einer Nische – in der sie gar nicht steckt.

Brüggemann: Wer Musik liebt, liebt sie, weil sie über das Leben spricht – über unsere Vergangenheit, über unsere Gegenwart und über unsere Zukunft. Wie modern die Musik ist, zeigen die Marketingstrategien der Plattenfirmen, die Anna Netrebko, Lang Lang oder Rolando Villazòn zu Popstars mit Tiefgang gemacht haben. Außerdem würde heute niemand behaupten, dass Maria Callas überholt wäre – sie ist noch immer eine Ikone des klassischen Stils in all seinen Facetten. Sie trug Chanel, küsste Onassis und sang die Tosca. Das Klassik- Publikum weiß die Tradition und die Gegenwart zu schätzen – das macht es so interessant, und das macht eine Zeitschrift wie crescendo spannend. Es geht uns darum, der vorhandenen Begeisterung für die klassische Musik ein Forum zu geben – ein Forum, das mitten in der Gesellschaft steht, das alle Interessen, die Konzerte und Opern ausmachen, Politik, Ästhetik, Stil, Mode und Modernität zusammenführt. Klassik ist eine Kunst, die die Welt in einen globalen Dialog bringt.

Hanuschik: Ich beobachte aufmerksam, das wachsende Bewusststein für Qualität, die Suche nach Werten und Lebenssinn als stimmige Evolution der Spaßgesellschaft: Die Sehnsucht nach Tiefe. Das sind alles Attribute, für welche die klassische Musik seit jeher steht.

Pöllmann: Ist das nicht ein wenig idealistisch?

Hanuschik: Ganz und gar nicht. Wenn Sie sich den Klassik- Markt anschauen, sehen Sie, dass er längst zu einem wichtigen Kommunikationsmittel für unterschiedliche Interessen geworden ist. Die Salzburger Festspiele, die Berliner Philharmoniker,
viele Künstler und Ensembles werden inzwischen von großen und wichtigen Firmen unterstützt, die von der Klassik einen Imagetransfer erwarten. Und warum ist das so? Weil das Klassik-Publikum eine Zielgruppe ist, die sich umfassend mit der Welt auseinandersetzt. Ja, natürlich hat die klassische Musik bei Bildungselite, Meinungsführern und Topverdienern besonders viele Freunde. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen unserer aktuellen Leserumfrage wider. Gleichzeitig ist die klassische Musik immer offen für alle, welche die Sehnsucht nach Tiefe verspüren und bereit sind, sich darauf einzulassen.

Brüggemann: Das einzige Problem ist, dass es kaum ein Medium gibt, das Klassik nicht in der Nische ansiedelt, sondern genau von dieser Rolle redet, von einer Position in der selbstverständlichen Mitte der Gesellschaft. Das versuchen wir mit crescendo, indem bei uns Politiker wie Angela Merkel, Norbert Lammert oder Katrin Göring-Eckardt zu Worte kommen, Literaten wie Donna Leon oder Wolf Wondratschek, Modemacher und natürlich Musiker wie Daniel Barenboim, Nikolaus Harnoncourt oder Anna Netrebko.

Pöllmann: Die Abonnenten von crescendo erhalten mit jeder Ausgabe eine CD, die Hörbeispiele zu den Artikeln liefert. Sollten Plakate an Litfasssäulen Musikauszüge spielen, um dem Betrachter das Angebot deutlich zu machen?

CrescendoBrüggemann: Die Plakate von heute tun das doch längst: Im Internet, im Fernsehen und im Kino gibt es kaum eine Werbung ohne klassische Musik. Die Musik ist eine globale Sprache, eine Sprache, die einen emotionalen Zugang zu den Menschen garantiert. Und die Musik ist um so stärker, je mehr man sich mit ihr beschäftigt – das leisten die Texte und Bilder. Sie erzählen von Hintergründen, von Tragödien, Leidenschaften und Glücksgefühlen. Aber natürlich braucht die Klassik auch die Ohren. Es gibt nichts schöneres, als zwei Aufnahmen der gleichen Einspielung zu vergleichen. Das macht den Klassik-Liebhaber aus – er ist meinungsstark und stets bereit zum Vergleich.

Pöllmann: Axel Brüggemann, Ihr Chefredakteur erklärte kürzlich, dass das „Ohr besser sehen kann, wonach wir eigentlich suchen“ und fordert damit einen besseren Stellenwert der Musik gegenüber der Kunst. Steht die Musik gegenüber der Kunst im Konkurrenzverhältnis um Aufmerksamkeit oder gibt es für die Musik auch Möglichkeiten, durch den „Kunsthype“ zu profitieren?

Hanuschik: Musik und Bildende Kunst haben sich immer ergänzt – interessanterweise waren es aber immer die Maler, die der Musik gefolgt sind: Picasso oder Chagall, als sie Bühnenbilder gemalt haben und selbst Christoph Schlingensief oder Jonathan Meese, die heute Oper machen. Am Ende ist die Musik das geeignete Medium, den Menschen direkt anzusprechen. In „Pretty Woman“ gibt es diesen wunderbaren Teil, in dem Julia Roberts bei einer „La Traviata“-Aufführung weint, das werden Sie beim Betrachten eines Bildes selten erleben. Am Ende ist es immer wieder die Musik, die die Menschen berührt, sie steht für Sinnlichkeit und direkten Zugang zum Publikum.

Pöllmann: Das New York Philharmonic Orchestra will in der kommenden Saison mit Multimedia-Aspekten dem Publikum den Zugang zu den musikalischen Werken erleichtern. Bewerten Sie dies als innovativen Fortschritt durch ein neues Zusatzangebot, oder ist dies ein Rückschritt, da die Konzentration vom Kernangebot, der Musik, abgelenkt wird?

Brüggemann: Die Klassik ist schon immer eines der innovativsten Medien gewesen. Hören Sie sich Kompositionen von Mahler, Webern oder Rihm an – dort wurde stets der Klang der Zukunft formuliert, der seiner Gegenwart weit voraus war. Dass Klassik auch den technischen Fortschritt integriert, ist doch selbstverständlich. Man kann die Oper heute noch in Gold und Tüll haben, aber man kann sie auch als Lasershow erleben. In welcher Kunst ist die Mischung aus Tradition und Zukunft sonst so homogen?

Pöllmann: Ist das auch der Grund, warum die Klassik in den letzten Jahren ihr Image gewandelt hat?

Brüggemann: Die Klassik hat, seit es sie gibt, ihr Image gewandelt. Sie hat die Welt, die sie umgibt und fördert, stets mitgenommen. Die Kirchen im 16. und 17. Jahrhundert, das Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert, die breite Masse im 20. und 21. Jahrhundert – und neuerdings auch die Sponsoren, die Firmen und Mäzene, deren großer Verdienst es ist, die Musik zu fördern, ohne in die Kunst einzugreifen. Egal, in welche Epoche der Musikgeschichte man schaut, die Klassik war immer eine treibende Kraft, ein Ort, an dem die Zukunft aus der Vergangenheit erfunden und vorangetrieben wurde.

Hanuschik: Herr Brüggemann hat Recht: Die Klassik war ihrer Zeit schon immer voraus.

Pöllmann: Herr Hanuschik, Herr Brüggemann, vielen Dank für das Gespräch.