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Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts e. V. Foto: Loredana La Rocca

Interview

Ein Interview mit Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts e. V.

„Wir müssen globale Themen auch global diskutieren“

 

Herr Ebert, seit 2012 leiten Sie als Generalsekretär des Goethe-Instituts 159 Institute in 90 Ländern. Welche Trends zeichnen sich in der internationalen kulturellen Zusammenarbeit ab und was bedeuten sie für die Arbeit des Instituts?

Die Debatten um die großen Herausforderungen unserer Zeit werden immer komplexer und müssen global geführt werden. Dabei kann das Goethe-Institut sein Netzwerk und seine Partner einbringen und diese Impulse auch für Deutschland fruchtbar machen.

Ich bin davon überzeugt, dass Kulturaustausch bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte eine zentrale Rolle spielen kann. Er ermöglicht einen grenzüberschreitenden Diskurs, der auch jenseits tagespolitischer Zwänge nachhaltig ist und Kanäle offen hält, die auf anderen Ebenen verschlossen sind. Er schafft Plattformen, Frei- und Streiträume und öffnet neue Zugänge zum Wissen. Kunst, Literatur, Film und Theater können Perspektiven verändern.

In den letzten Jahrzehnten sind neben Europa und Nordamerika viele neue Zentren in der Welt entstanden. Wir müssen uns klar machen, dass wir nicht die Deutungshoheit über die ganze Welt besitzen. Es ist wichtig, dass wir uns nicht als Vorbild einbringen, sondern als Beispiel. Wir müssen zeigen, wie wir leben und warum wir so leben, ohne den anderen unsere Lebensweise überstülpen zu wollen. Es geht um eine Kultur des Verstehens, um den Wunsch zu begreifen, warum andere Gesellschaften anders ticken. Das hat nichts mit einer Relativierung der eigenen Werte, aber viel mit Verständnis als Grundlage von Verständigung zu tun.

Ein ebenso zentraler Begriff wie die Diskursfähigkeit ist daher für uns der Begriff der Glaubwürdigkeit. Mit unserer Arbeit wollen wir zeigen, dass wir nicht mit einer wirtschafts- und politikgetriebenen Agenda operieren, sondern dass in Deutschland Kultur ein eigenständiger gesellschaftlicher Lebensbereich ist und dass es uns auch darum geht, besser zu verstehen, was in anderen Gesellschaften los ist, was dort gedacht und empfunden wird. Dazu müssen die anderen erst einmal zu Wort kommen. Das gelingt nicht, wenn wir uns ausschließlich nur selbst darstellen.

Sehr wichtig ist für uns deshalb das Prinzip, gemeinsam zu arbeiten, Projekte wie zum Beispiel Ausstellungen und Theaterstücke in Koproduktion zu erarbeiten. Bei einer engen Zusammenarbeit von Künstlern und Programmgestaltern entstehen die interessanten Fragen wie von selbst, weil das Bewusstsein der Differenzen wächst.

Um dies zu leisten, sind im internationalen Kulturaustausch verlässliche Partnerschaften notwendig, nachhaltige Programme und klare Prinzipien der dialogischen Zusammenarbeit, wie sie das weltweit anerkannte Netzwerk der Goethe-Institute verkörpert.

Als deutsches Kulturinstitut ist das Goethe-Institut auch eine europäische Institution. Was bedeutet der Brexit für die Arbeit des Goethe-Instituts?

Der Brexit ist ein Thema, das uns direkt betrifft. Ich war sehr betroffen von dieser Entscheidung der britischen Wähler. Wir haben Europa fest in der Satzung des Goethe-Instituts und unseren Zielen verankert. Wir sind außerdem in europäische Netzwerke wie EUNIC, die Vereinigung der europäischen Kulturinstitute, und andere eingebunden.

Auf die beiden Goethe-Institute in Großbritannien, in London und Glasgow, kommen große Herausforderungen zu. Bei der Brexit-Kampagne haben wir gesehen, dass in erster Linie die Themen Wirtschaft und Migration im Mittelpunkt standen. Die Errungenschaften der Europäischen Union als Friedensprojekt und als gemeinsames kulturelles Projekt sind dabei deutlich zu kurz gekommen.

Wir müssen versuchen, die jungen Leute in ihrem Engagement für den europäischen Gedanken zu bestärken. Ganz konkret: Die Reisefreiheit innerhalb der EU, die freie Wahl eines Wohnorts, eines Studienorts, die Förder- und Austauschprogramme, wie beispielsweise Erasmus. Es scheint, als ob diese Errungenschaften von manchen als Selbstverständlichkeit angesehen wurden. Wir müssen deutlich machen, dass sie weiterhin von enormer Bedeutung für unser gemeinsames Zusammenleben in Europa sind.

Zweitens müssen wir uns mit der schwierigen Frage auseinandersetzen: Wie treten wir in Dialog mit jenen, die für den Brexit gestimmt haben? Diese leben teilweise nicht in den großen Städten. Hier können digitale Angebote helfen, stärker in die Fläche zu gehen.

Insgesamt wird die Kultur allein nicht die Welt retten; der Brexit ist sicher auch ein Zeichen an die Politik, sich mit den aktuellen Herausforderungen in Europa und möglichen Defiziten in der EU noch intensiver auseinanderzusetzen. Es ist aber jetzt eine wichtige Aufgabe von europäischen Kulturinstituten und -institutionen, die kulturelle Verbundenheit und Zusammengehörigkeit Europas stärker in den Mittelpunkt zu stellen und differenzierte Beiträge zu aktuellen Diskursen zu leisten.

Gemeinsam mit europäischen Partnern macht das Goethe-Institut sehr viele Projekte sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU. Wir sind in der Zusammenarbeit geübt. Im Rahmen des Theaterfestivals Europoly haben wir uns beispielsweise gemeinsam mit unabhängigen europäischen Theatern mit brennenden Themen wie Flucht oder der Finanzkrise auseinandergesetzt. Unser Projekt „Actopolis“ beschäftigt sich mit aktuellen urbanen Fragestellungen in Athen, Belgrad, Bukarest, Ankara, Oberhausen, Sarajevo und Zagreb. Projektideen werden dabei über Disziplinen, Landesgrenzen und Kulturen hinweg ausgetauscht und gemeinsam weiterentwickelt. Außerdem hoffen wir, durch das Projekt „Collecting Europe“, das wir Anfang nächsten Jahres gemeinsam mit dem Victoria and Albert Museum durchführen und bei dem Künstler ihre Sicht auf das heutige Europa aus einer zukünftigen Perspektive mittels Kunstwerken, Sammlerstücken oder Design zum Ausdruck bringen werden, einen Beitrag zu einer europäischen Diskussion in Großbritannien zu liefern.

Ein weiteres Thema, das nicht nur das Goethe-Institut seit Monaten in Atem hält, sind die weltweiten Migrationsbewegungen. Welchen Beitrag kann das Goethe-Institut hier leisten? Welche Rolle spielt Kultur für Menschen, die auf der Flucht sind?

Natürlich ist humanitäre Hilfe bei Unterkunft, Verpflegung und medizinischer Versorgung primär gefragt. Kultur und Bildung dürfen jedoch nicht vernachlässigt werden: Die deutsche Sprache ist ein wichtiger Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Kultur- und Bildungsangebote tragen wesentlich dazu bei, insbesondere der jungen Generation eine Perspektive zu geben, das Erlebte zu verarbeiten und die Lebensqualität zu erhöhen. Die große Zahl der Flüchtlinge und damit verbunden die Fülle der zu lösenden Aufgaben erfordert in besonderem Maße koordiniertes Vorgehen und Handeln. Dazu können wir aus unseren Kernkompetenzen in den Bereichen Sprache, Kultur und Bildung heraus einen sinnvollen Beitrag leisten.

Ich will Ihnen einige Beispiele unserer aktuellen Arbeit nennen, mit denen wir auf die weltweite Situation der Flüchtlinge reagieren: Gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesagentur für Arbeit und dem Bayerischen Rundfunk hat das Goethe-Institut die App „Ankommen“ entwickelt. Mit ihrer Hilfe werden Neuankömmlinge nach der Ankunft in Deutschland in die Lage versetzt, sich verständlich zu machen und zum Beispiel im Alltag, beim Arzt und gegenüber Behörden besser zurechtzukommen. Die App wurde inzwischen mehr als 170.000 Mal heruntergeladen, das vom Goethe-Institut verantwortete Sprachprogramm in der App wurde von der Stiftung Warentest ausgezeichnet.

Für geflüchtete Kinder und Jugendliche haben wir zusammen mit dem Bundesverband Jugend und Film und dem Filmfestival Schlingel einen Koffer mit 18 deutschen Filmen zusammengestellt und mit arabischen Untertiteln bzw. Sprachfassungen versehen. Sie werden in Flüchtlingsunterkünften, Schulen und Kulturzentren eingesetzt und erleichtern den Kindern und Jugendlichen den Zugang zu deutscher Kultur. Dazu bieten wir pädagogisches Begleitmaterial an und Ausbildungsseminare für die sogenannten „Kofferpaten“.

Außerdem organisiert das Goethe-Institut bereits seit 2013 Projekte in den Nachbarländern Syriens für geflohene Kulturschaffende und Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche. Dabei wollen wir auch eine Perspektive vor Ort geben. Es gibt beispielsweise einen Kulturproduktionsfonds für geflüchtete Künstler und Künstlerinnen im Libanon, bei dem „Missing Movies Project“ produzieren Filmstudenten aus Jordanien, Ägypten, Kanada und Deutschland nonverbale Kurzfilme für geflüchtete Kinder. Teilweise haben die Projekte auch einen traumatherapeuthischen Hintergrund. Eine weitere Initiative ist das Projekt „Respekt – Soccer-Camp“, mit dem das Goethe-Institut Beirut Fußballtrainings und -turniere für Kinder und Jugendliche unterstützt. Junge syrische und libanesische Flüchtlinge können hier die Erfahrung machen, dass im Sport alle gleich sind, Zusammenhalt, Respekt und Fairness erleben und natürlich Spaß haben. In der direkten Begegnung zwischen Menschen verändert sich die Welt.

Zunehmend initiiert das Goethe-Institut auch Veranstaltungen in Deutschland – zuletzt im Juni sehr prominent das internationale Kultursymposium Weimar zum Thema „Teilen und Tauschen“. Warum ist es für das Goethe-Institut wichtig, auch in Deutschland präsent zu sein?

In einer Welt, in der die Grenzen zwischen Innen und Außen immer stärker verschwimmen, gewinnt die gemeinsame, grenzübergreifende Diskussion über Ziele und Werte an Bedeutung. Wir müssen globale Themen auch global diskutieren. Unsere neue Veranstaltungsreihe, das „Kultursymposium Weimar“, hat zum ersten Mal internationale Expertinnen und Experten aus dem Netzwerk des Goethe-Instituts nach Deutschland gebracht, um globale Gesellschaftsfragen zu diskutieren. Vom 1. bis 3. Juni 2016 haben sich hochkarätige Gäste aus Wirtschaft, Kultur und Politik mit dem Thema „Teilen und Tauschen” als zeitlos-universelle Grundlagen menschlicher Kulturpraxis auseinandergesetzt. Es war uns wichtig, ein Thema zu setzen, das Anknüpfungspunkte an Wirtschaft, Kultur und Politik hat. Da waren wir recht schnell beim Tausch. Der Soziologe Marcel Mauss hat den Tausch einmal eine „totale soziale Tatsache“ genannt, weil er sich durch alle gesellschaftlichen Teilsysteme zieht. Für ein Kultursymposium, das mit Unterstützung von Unternehmen finanziert wird – in unserem Fall von Merck, Siemens und Volkswagen –, also ein ideales Thema. Dass wir damit richtig lagen, zeigt auch die große Teilnahme von Journalisten am Kultursymposium und in der Folge die große Medienresonanz.

Die Arbeit des Goethe-Instituts wird zu zwei Dritteln über das Auswärtige Amt finanziert. Dazu kommen erhebliche Einnahmen aus dem Sprachkursbetrieb. Aber das Goethe-Institut hat seit 2008 auch einen prominent besetzten Wirtschaftsbeirat. Welche Rolle spielen Kooperationen mit der Wirtschaft für das Goethe-Institut?

Kooperationen mit Stiftungen und Unternehmen werden nicht nur für das Goethe-Institut von immer größerer Bedeutung. Strategische Partnerschaften sind eine grundlegende Voraussetzung, um auf die komplexen Themen unserer globalisierten Welt angemessen reagieren zu können. Im Zusammenspiel von Kultur, Politik und Wirtschaft haben deshalb Kooperationen mit der Wirtschaft einen hohen Stellenwert und wir möchten diese in den nächsten Jahren noch intensivieren.

Der 2008 gegründete Wirtschaftsbeirat war der erste Schritt, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft strukturell im Institut zu verankern. Dem Wirtschaftsbeirat gehören Vorstände großer DAX notierter deutscher Unternehmen an. Das Gremium berät das Goethe-Institut in wichtigen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Fragen, vermittelt Einblicke in Strukturen und Arbeitsweisen international agierender Konzerne, identifiziert Themen und Handlungsfelder, die die Bereiche Wirtschaft und Kultur gleichermaßen berühren. Im Dialog wird die Entwicklung von Konzepten und Projekten gefördert, die von gemeinsamem Interesse sind.

Projekte wie das „Kultursymposium Weimar“ und die Publikation das goethe, eine Beilage, die in der ZEIT erscheint, sind aus dieser Zusammenarbeit entstanden und wären ohne die Unterstützung der Unternehmen unseres Wirtschaftsbeirats nicht möglich gewesen. Auch unsere Arbeit mit Flüchtlingen in Deutschland und teilweise auch im Ausland konnte mit Spenden der Mitglieder des Wirtschaftsbeirats ermöglicht und verstärkt werden. Besonders hervorheben möchte ich die sehr konkrete Arbeitsweise des Beirats und das kulturelle Engagement aller Mitglieder.

Aktuell sind wir dabei, an ausgewählten und für die Wirtschaft interessanten Orten unserer Auslandsinstitute Wirtschaftskreise zu gründen, die nach dem gleichen Prinzip wie der Wirtschaftsbeirat in München funktionieren. Dabei geht es darum, die europäische und internationale kulturelle Zusammenarbeit im Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Kultur zu stärken.

Punktuell fand eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft schon immer statt. Nachhaltige Wirkung kann man aber nur durch Kontinuität und Verlässlichkeit erzielen. Deshalb sind wir an längerfristigen Partnerschaften interessiert. Das Goethe-Institut geniest großes Vertrauen in den Kultur-und Bildungsszenen der Länder, in denen es seit Jahrzehnten präsent ist. Dieses Vertrauen ist ein unschätzbares Gut, das zu bewahren und zu pflegen wichtiger denn je ist.


Johannes Ebert

Johannes Ebert ist seit 2012 Generalsekretär des Goethe-Instituts. Er studierte Islamwissenschaft und Wissenschaftliche Politik in Freiburg und in Damaskus. Nach Stationen als Dozent am Goethe-Institut in Prien, als Referent für Sprachkursarbeit am Goethe-Institut Riga und als stellvertretender Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit in der Münchner Zentrale leitete er von 1997 bis 2002 das Goethe-Institut Kiew. Von 2002 bis 2007 war er Leiter des Goethe-Instituts Kairo und der Region Nordafrika/Nahost. Anschließend leitete er von 2007 bis 2012 das Goethe-Institut Moskau und die Region Osteuropa/Zentralasien.