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Fachbeitrag

Die Rolle der Kultur bei der Transformation des Ruhrgebiets

Einer der wichtigsten Gründe für die Ernennung des Ruhrgebiets zur Kulturhauptstadt RUHR.2010 war die Tatsache, dass die Kultur im Ruhrgebiet nie eine Selbstverständlichkeit war, sondern immer hart erarbeitet werden musste. Bei der Begründung des Zuschlags argumentierte die hochkarätig besetzte Jury um Isabell Pfeiffer-Poensgen, Alfred Muschg oder Holk Freytag, dass die Kultur im Ruhrgebiet im Unterschied zu den beiden verbliebenen Mitbewerberstädten Köln und Münster keine schöne Begleiterscheinung sei, sondern Zeichen des Wandels und Motor des Fortschritts.

Die Jury hatte dies vor allem an der vorherrschenden Kulturformation des Ruhrgebiets festgemacht, der Industriekultur, mit der es gelungen sei, zahlreiche ehemalige Industriegebäude und -areale zu erhalten und einem Transformationsprozess zu unterwerfen. Die Industriekultur diene nicht nur, aber in starkem Maße kulturellen Zwecken: vor allem als neue Heimat für Museen und Ausstellungshäuser, aber auch für Theaterspielstätten, Tanzbühnen oder für die unterschiedlichsten Formen der Jugend- und Subkultur.

Die kluge Beobachtung der Jury ging aber viel tiefer. Sie zielte in die gesellschaftliche und soziale Struktur des Ruhrgebiets und beschrieb die kulturelle Tradition der Region. Das Ruhrgebiet ist eine relativ junge Region, die in dieser Form erst seit knapp 200 Jahren besteht und dabei von stetigem technischem und gesellschaftlichem Wandel bestimmt ist. In dieser von industrieller Produktion und wirtschaftlichem Profitdenken dominierten Region existierte nur ein zahlenmäßig begrenztes Kultur- geschweige denn Großbürgertum und praktisch kein nennenswerter Adel. Aus diesem Grunde befinden sich im Ruhrgebiet, abgesehen von einigen hochkarätigen Kirchenschätzen, die allesamt aus der vorindustriellen Zeit, teilweise aus dem Früh- und Hochmittelalter stammen, kaum herausragende Kulturgüter und bedeutende Sammlungen. Zumal diese – soweit sie existierten – nach Übernahme der Gebiete durch Preußen im preußischen Kulturbesitz zusammengeführt und nach Berlin in die staatlichen Museen verbracht wurden.

Die Kultur im Ruhrgebiet musste erarbeitet werden

Dies änderte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem aufkommenden Mäzenatentum, das einherging mit kommunalen Bestrebungen der prosperierenden Industriemetropolen. Erst jetzt kam es zur Gründung von Museen, Theatern und anderen Kultureinrichtungen, und zwar auf Grund der Vielzahl der Städte an Rhein und Ruhr in einer bemerkenswerten Fülle. In diese Zeit fiel auch die Gründung des Folkwang Museums durch den kunstsinnigen Bankierssohn Karl Ernst Osthaus in der Industriestadt Hagen. Die legendäre Sammlung mit Meisterwerken der Moderne wurde nach dessen frühem Tod 1922 an kunstbegeisterte Bürger des Essener Folkwang-Museumsvereins verkauft, mit dem Städtischen Kunstmuseum vereint und begründete fortan den Weltruf des 1929 in Essen eröffneten Museum Folkwang. Es ist daher kennzeichnend für die Kultur der Industrieregion Ruhrgebiet, dass sie nicht immer schon da war, selbstverständlich und quasi ein Geschenk, Erbe oder Mitgift war, sondern immer erst erwirtschaftet und oftmals gegen andere Interessen auch erkämpft werden musste.

Fokus auf moderne Medien und Kunstformen

Insofern ist es auch typisch für die Kultur des Ruhrgebiets, dass sie sich weniger den klassischen Künsten wie der Musik, der Literatur oder der bildenden Kunst widmete, sondern den angewandten Künsten. Dies liegt zum einen am Fehlen von Universitäten – die einzige Hochschule in Duisburg war 1815 von den Preußen geschlossen worden – , vor allem aber am spezifischen Charakter von Kultur und Kunst im Industrieraum, die sich vornehmlich mit Fragen der technischen Reproduktion und der sozialen Verwertbarkeit auseinandersetzte. Das gilt im Besonderen auch für den Begründer der modernen Kunstbewegung im Ruhrgebiet, Karl Ernst Osthaus mit seinem Folkwang-Gedanken, aber auch für die Werkbund-Bewegung, die ebenfalls eine Wurzel im Ruhrgebiet hat.

So ist es bezeichnend, dass das Ruhrgebiet nur relativ wenige bedeutende bildende Künstler, Musiker oder Schriftsteller hervorgebracht hat und dass die bedeutendsten Kulturschaffenden entweder, wie Alfred Renger-Patzsch oder Otto Steinert, dem damals neuen technischen Medium der Fotografie verhaftet waren oder, wie Pina Bausch, Peter Zadell, Claus Peymann und Christoph Schlingensief, den modernen performativen Ausprägungen des Tanzes und des Theaters zuzuzählen sind.

Krise, Protest- und Subkultur

Mit dem Ende des klassischen Industriezeitalters und dem Beginn des einsetzenden Strukturwandels ab den 1960er Jahren änderte sich die Kultur des Ruhrgebiets noch einmal grundlegend. Die massenhafte Stilllegung von ehemaligen Industriebetrieben und die damit verbundene Erfahrung der Bedeutung von Arbeitslosigkeit machten das Ruhrgebiet zu einem Zentrum der frühen Protest- und Subkultur in Deutschland und zwar weniger im studentischen als im Arbeitsmilieu, obwohl es seit den 1960er Jahren mit der Ruhr-Universität Bochum und später mit den Gesamthochschulen in Essen, Dortmund und Duisburg wieder Universitäten im Ruhrgebiet gab. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass das Ruhrgebiet eine der Hochburgen zunächst der Rock’n Roll-Bewegung und dann des Punks und der Neuen Deutschen Welle in der Bundesrepublik war.

Die Schauplätze dieser Jugend- und Subkultur waren meist die aufgeschlossenen Produktionsstätten des Industriezeitalters, in denen sich ab den 1970er Jahren die ersten soziokulturellen Zentren entwickelten. Mit der Zeche Bochum, der Zeche Carl in Essen, der Kaue in Gelsenkirchen, der Turbinenhalle in Oberhausen oder den Flottmann-Hallen in Herne bildeten sich neue kulturelle Zentren, die vor allem für Musik, später auch für Kabarett und andere Kulturveranstaltungen dienten.

In den 1990er Jahren traten dann im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park zu diesen meist niederschwellig angesiedelten und subversiv entstehenden Veranstaltungsorten weitere große Gebäude und ganze Industrieareale hinzu. Spielstätten wie die Zeche Zollverein, der Landschaftspark Duisburg Nord, die Jahrhunderthalle in Bochum, das Dortmunder U oder der Gasometer Oberhausen gehören heute zu den international bekannten Kulturorten des Ruhrgebiets, in denen sich renommierte Kulturveranstaltungen und -marken wie die Ruhrtriennale, das Klavier-Festival Ruhr, das Choreographische Zentrum PACT, das Red Dot Design Zentrum und das Ruhr Museum sowie die Ausstellungshalle Gasometer Oberhausen angesiedelt haben. Sie bilden zusammen mit zahlreichen anderen Städten der Industriekultur wie den beiden Zentralen des LVR- und des LWL-Industriemuseums in der Zentralfabrik Altenberg in Oberhausen und der Zeche Zollern II/IV in Dortmund das Zentrum der Kultur im Ruhrgebiet, zu der auf Grund der polyzentrischen Struktur der Region auch noch die zahlreichen, fast zwanzig RuhrKunst-Museen und fast ein Dutzend RuhrBühnen gehören.

Strukturwandel und Industriekultur

Die Industriekultur, in ihrer Dichte und Qualität sicherlich einzigartig in Deutschland und Europa, vielleicht sogar auf der Welt, bietet aber mehr als beeindruckende Spielstätten und Locations. Sie ist gleichzeitig die mentale Stütze und Voraussetzung für den Strukturwandel und die Transformation des Ruhrgebiets von der Industrieregion zur Metropole Ruhr. Erst seitdem das Ruhrgebiet seine industriellen Wurzeln und Spuren nicht mehr geschichtsvergessen verleugnet und zerstört, sondern sie erhält und umnutzt und sich seiner bedeutenden Wurzeln und Traditionen besinnt, hat es begonnen, seine Zukunft selbstbewusst zu gestalten gemäß der Überzeugung „Keine Zukunft ohne Vernunft“. Dies wurde in der Kulturhauptstadt RUHR.2010 deutlich, die stark die kulturellen Wurzeln des Ruhrgebiets im Industriezeitalter betonte, aber auch bei den kulturellen Veranstaltungen zum Ende des Steinkohlenbergbaus im vergangenen Jahr, die unter dem Motto “Glück auf Zukunft“ die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft sogar im Titel führten.

Kulturelle Erinnerung und kreative Zukunftsgestaltung sind im Ruhrgebiet somit –richtig verstanden – kein Widerspruch, sondern zwei Seiten einer Medaille. Dies zeigt sich an der produktiven Vermittlungsarbeit der Industriemuseen der beiden Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe ebenso wie bei der einmaligen, hunderte ehemalige Orte der Industriegeschichte verbindenden Route der Industriekultur. Und das gilt auch für die großen kulturellen Feste der Region wie der „Extraschicht – Die lange Nacht der Industriekultur“, dem „Tag der Trinkhallen“ oder der „lit.RUHR“, die bewusst industriekulturelle Stätten in den Mittelpunkt stellen.

Diese kulturelle Entwicklung führt nicht erst seit der Kulturhauptstadt zu immer neuen Rekorden bei den Besucher- und Übernachtungszahlen im Ruhrgebiet. Es sind aber nicht nur die touristischen Belange, die zu Buche schlagen. Neben den weichen Faktoren wie einer hohen Freizeit-, Bildungs- und Kulturqualität – das Ruhrgebiet verfügt inzwischen über mehr als zwei Dutzend Universitäten mit 300.000 Studierenden – sind es vor allem auch die neu entstehenden Arbeitsplätze in den Kultureinrichtungen und in der Kreativwirtschaft, die mithelfen, das Ruhrgebiet von seiner überproportionalen Arbeitslosigkeit in normalere Gefilde zu führen. Insofern trägt hier die kulturelle Entwicklung auch zu ganz realen und quantitativ messbaren Veränderungen der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen bei.

Das einzige, was man der kulturellen Entwicklung des Ruhrgebiets zuletzt zum Vorwurf gemacht hat, ist, dass es sich dabei in den letzten Jahrzehnten weniger um eine Bottomup- als um eine Top-down-Strategie gehandelt habe, die mit großem politischen Willen und einem enormen finanziellen Einsatz die Industriekultur als eine der Maßnahmen gegen den wirtschaftlichen Niedergang im Ruhrgebiet implementiert habe, ohne hierbei auf die konkreten Bedürfnisse der von Arbeitslosigkeit und sozialer Not betroffenen Menschen einzugehen. Ganz abgesehen davon, ob dieser Vorwurf überhaupt stimmt und ob es einen anderen, erfolgversprechenden Weg gegeben hätte, weist dieser Vorwurf jedoch auf ein Desiderat der kulturellen Entwicklung im Ruhrgebiet hin.

Nicht sexy genug für Kreative?

Es ist in den letzten Jahren vielleicht wirklich zu wenig gelungen, Kreative und junge Kulturschaffende im Ruhrgebiet anzusiedeln. Das liegt zum einen an der Ausbildungssituation: Die praktisch einzige Kunsthochschule der Region, die Folkwang Universität der Künste mit ihren Standorten in Essen, Bochum und Duisburg bildet zwar gemäß der Ruhrgebietstradition Musiker, Schauspieler, Tänzer, Designer und Fotografen, aber z.B. keine Künstler oder Architekten aus. Es hat aber auch noch andere Gründe, die mit dem Image des Ruhrgebiets zu tun haben. Die Metropole Ruhr gilt immer noch zu sehr als altindustrielle Region, der im Unterschied zu anderen Metropolen wie München, Düsseldorf und vor allem Berlin das großstädtische und internationale Flair fehlt und damit der Grund, den Lebensmittelpunkt ins Ruhrgebiet zu verlegen, kurz: das Ruhrgebiet ist nicht sexy.

Dabei stehen die Chancen gerade für junge kreative Start-ups im Ruhrgebiet eigentlich sehr gut. Es gibt genug preiswerten Wohnraum und auch noch ausreichend anzumietende oder zu erwerbende Produktionsstätten, ganz im Unterschied zu den genannten Städten, geschweige denn zu Metropolen wie London oder New York. Das kulturelle Angebot ist wie beschrieben großartig, ebenso wie das Freizeitangebot. Und mit über fünf Millionen Einwohnern ist das Ruhrgebiet immer noch der größte Ballungsraum Deutschlands und sicherlich ein potentieller Absatzmarkt für alle kreativen Produkte und Ideen.

Insofern sollte es eine Anstrengung wert sein, junge, kreative Köpfe ins Ruhrgebiet zu locken oder zumindest im Ruhrgebiet zu halten, damit hier in Zukunft noch mehr Künstlerateliers, Galerien, mediale und digitale Produktionsstätten entstehen und das Ruhrgebiet wieder zum Land der tausend Feuer wird, aber diesmal in den Köpfen der Menschen.