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Porträt - Monika Grütters
Interview

Investments in Kultur - Interview Frau Prof. Dr. Monika Grütters

Kulturelle Einrichtungen in Deutschland finanzieren sich zu 95% über staatliche Investitionen. Der Bund, die Länder und die Kommunen stellen jährlich rund 8 Mrd. Euro für die Kultur bereit. Kristin Just von der Agentur Causales sprach mit der Ausschussvorsitzenden für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, Frau Prof. Dr. Monika Grütters, über die Anreize für Unternehmen in Kultur zu investieren.

Just: Sehr geehrte Frau Prof. Grütters, die Gesamtausgaben für Kultur in Deutschland sind in den letzten Jahren gestiegen, dennoch müssen das Stadttheater Wuppertal und kleinere soziokulturelle Zentren schließen. Das Land Berlin hingegen investiert in die Volksbühne pro Ticket 184 Euro. Nach welchen Kriterien werden die jeweiligen Haushaltsentscheidungen getroffen?

Grütters: Kunst und Kultur sind kein dekorativer Luxus, sie vermitteln grundsätzliche Werte - sie sind ein Ausdruck von Humanität. Die Entscheidungen über die jeweiligen Finanzierungsgrundlagen werden nach Qualität, öffentlichem Interesse und Haushaltslage gefällt. Aber gerade wegen dieses so grundsätzlichen Charakters und Anspruchs der Kunst und Kultur müssen Politik und die Verantwortlichen dafür Sorge tragen, dass deren Möglichkeiten und Angebote jedem Bürger offen stehen.

Der deutsche Staat fördert und finanziert seine Kultur mit ca. 8,1 Milliarden Euro jährlich – das sind gerade 1,9 % aller öffentlichen Haushalte - mit nachhaltiger Wirkung: Deutschland ist nach wie vor das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt, mit 50% aller Orchester weltweit, mit den meisten Festivals und mit der höchsten Anzahl hier lebender und arbeitender Künstler aller Sparten.

Die Verantwortung, aber eben auch die Hoheit über die Kultur liegt bei den Bundesländern. Diese finanzieren folglich auch den Löwenanteil an der öffentlich geförderten Kultur mit 47 %, gefolgt von den Kommunen mit 43 % - dem Bund bleiben 10 %. Kürzungen und Einschnitten in den kleinen Kulturetats richten langfristig einen viel größeren Schaden an, als dass sie zur Sanierung von Haushalten beitragen würden.

Just: Nicht nur der Staat investiert, auch Wirtschaftsunternehmen machen sich für die Kultur stark – aus den Budgets der Unternehmen werden jährlich insgesamt 4 Mrd. Euro für Sponsoring bereitgestellt. Dabei entfallen ungefähr 10 Prozent auf die Kulturförderung, wobei der Großteil der Sponsoringgelder in den Sport fließt. Worin besteht aus Ihrer Sicht der größere Anreiz für die Wirtschaft, in Sport statt in Kultur zu investieren?


Grütters: Sport ist noch breitenwirksamer als Kultur. Spannend ist dennoch, dass 112 Mio. Menschen deutsche Museen besuchten - das sind beinahe 10 mal so viele Gäste wie alle Bundesligaspiele einer Saison Besucher hatten.

Just: Zu den öffentlichen Fördergeldern von rund 8 Mrd. Euro, generieren der Sport und die Kultur zusätzliche Sponsoringgelder. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass der Sport 2,8 Mrd. Euro an Geldern einwirbt, während die Kultur es nur auf 400 Mio. Euro schafft?

Grütters: Überwältigende 90% der Unternehmen, die sich im Bereich Kulturförderung engagieren, sehen ihr Engagement als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Kultur und kulturelles Engagement sind für Unternehmen aber auch deshalb wichtig, weil sie von dem hohen Ansehen der Kultur profitieren.

Just: Im April 2010 legte der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft die neue Studie zur „Unternehmerischen Kulturförderung“ vor und hob das Sponsoringpotenzial mittelständischer Unternehmen hervor. Wie sinnvoll ist es für Unternehmen, regionale Märkte zu bearbeiten?

Grütters: Selbstverständlich sind die regionalen Märkte besonders für die vor Ort unternehmerisch aktiven Einrichtungen und Betriebe interessant. Insgesamt fließen über 500 Mio. Euro an privaten Geldern über gemeinnütziges Engagement in den Kultursektor. Das Verhältnis zwischen Kultur und Wirtschaft gestaltet sich immer professioneller. Die Aufwendungen für Kultur sind in den letzten fünf Jahren bei 90 % der Unternehmen gestiegen (oder gleich geblieben); und die Mehrheit der Unternehmen (73 %) fördert langfristig über mehrere Jahre. Die durchschnittlichen Ausgaben eines Unternehmens für die Kulturförderung in 2008 belaufen sich auf rund 634.000 Euro.

Just: Anders als in Deutschland, wo sich die private Kulturfinanzierung auf 10 Prozent der Gesamtinvestitionen beläuft, werden in den USA rund 87 Prozent der Kulturangebote privat gefördert. Welche Vorteile sehen Sie im Vergleich zum Beispiel der USA in der bundesdeutschen Kulturfinanzierung?

Grütters: In den USA wird Deutschland für seine reiche Kulturlandschaft und die vielfältigen ästhetischen Ansätze beneidet. Wir Deutschen dagegen schauen oft neidisch auf eine in den USA hochentwickelte Kultur des Sponsoring, auf diese große philanthropische Tradition. Doch Kunst und Kultur brauchen Freiräume, um sich entfalten zu können. Sie brauchen Inspiration, Anstöße und den öffentlichen Diskurs. In Deutschland pflegen wir deshalb eine völlig andere Kulturtradition als in den USA: Es ist hier die staatliche Kulturfinanzierung, die die Unabhängigkeit und Freiheit der Kultur schützt. Insgesamt beläuft sich die Kulturförderung in Deutschland auf etwa 8,6 Milliarden Euro. Davon trägt die öffentliche Hand mit 8,1 Milliarden Euro über 90 Prozent. Der private Anteil über Stiftungen und Sponsoren machen immerhin über 500 Millionen Euro aus.

Dieses hartnäckige Engagement von staatlicher Seite für Kunst und Kultur hat entscheidenden Anteil am hohen Ansehen Deutschlands in der Welt – und garantiert der Kunst und Kultur eine Freiheit und Unabhängigkeit von den legitimen Interessen privater Geldgeber. Doch das Engagement des sogenannten Dritten Sektors - Unternehmen, Kirchen, Verbände, Gewerkschaften, Stiftungen und Vereine – ist zusätzlich zur auskömmlich finanzierten institutionellen Kulturförderung des Staates für die kulturelle Infrastruktur von immens wichtiger Bedeutung.

Just: Ein viel diskutiertes Thema ist die Fehlbetragsfinanzierung. Bezieht eine Kultureinrichtung öffentliche Fördergelder und überschreitet diese Summe durch erhöhte Eigeneinnahmen, kann es zu einer Rückforderung in Höhe dieser Gelder kommen. In diesem Zusammenhang, worin besteht das Motiv für öffentlich geförderte Kulturanbieter, das Marketing zu professionalisieren und die Eigeneinnahmen über gutes Sponsoring zu erhöhen?

Grütters: Zuerst: Der Staat kann mit Steuergeldern schlechterdings keinen Gewinn zulassen – das muss zurück in die Staatskasse. Warum aber sollte eine öffentlich geförderte Kultureinrichtung nicht den Ehrgeiz haben, für das gute eigene Produkt zu werben, es öffentlich bekannt zu machen?

Just: Welche Rahmenbedingungen kann die Politik schaffen, um Wirtschaftunternehmen stärker als Investoren für die Kultur zu gewinnen?

Grütters: Steuerlich Anreize zu schaffen, wie wir es z. B. 2001 und 2007 getan haben, sind ein richtiger Weg. Denn wir wissen, dass es zwischen der Bereitschaft zu spenden und steuerlichen Anreizen einen Zusammenhang gibt. Es ist mit aber ganz wichtig, noch einmal zu betonen, dass Kunst und Kultur nicht nur Geld kosten - Kultur trägt auch zur Stärkung der Wirtschafts- und Steuerkraft bei. Der Umsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft liegt bundesweit derzeit bei 132 Milliarden Euro; 238.000 Unternehmen und über 1 Million Erwerbstätige sind im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt 2,6 Prozent; damit liegt die Kultur- und Kreativwirtschaft noch vor der chemischen Industrie mit 2,1 Prozent und kurz hinter der Automobilindustrie mit 3,1 Prozent.

Just: Welche Verantwortung tragen die Medien, das Engagement von Sponsoren zu würdigen und über professionelle Medienpartnerschaften entsprechende Marktplattformen zu bieten?

Grütters: Ich glaube durchaus, dass das Motto „Tue Gutes und sprich darüber“ im Bereich des Sponsoring und des privaten Engagements richtig und wichtig ist. Es sind nicht allein die schlechten Nachrichten, die unsere Aufmerksamkeit erhöhen – ich hätte gar nichts dagegen, wenn die Medien mehr über die „guten Taten“ der privaten Förderinitiativen berichteten.

Just: Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Grütters, die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ hat in ihrem Abschlussbericht von 2007 als Staatsziel „ Kultur ins Grundgesetz“ formuliert. Wäre dies aus Ihrer Sicht ein zusätzlicher Anreiz für die Wirtschaft noch stärker in Kultur zu investieren?

Grütters:
Das gewinnbringende Zusammenwirken zwischen staatlicher Förderung und privater Investitionen wird auch in der traditionellen Kultursparte des Museums- und Ausstellungswesens deutlich. Als Vorstand der privaten Stiftung Brandenburger Tor kann ich Ihnen zahllose Beispiele für die Zusammenarbeit mit staatlichen Einrichtungen in der Ausstellungsarbeit aufzählen, die sich zum gegenseitig Vorteil und als Gewinn für die Kulturarbeit erwiesen haben. Die Liebermann-Ausstellung haben wir gemeinsam mit der Nationalgalerie Berlin realisiert, „Slevogt“ zusammen mit dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal und unsere große Schau „Chagall und Deutschland“ gemeinsam mit dem Jüdischen Museum in Frankfurt.

Trotz großer, staatlicher, international renommierter Museen und Ausstellungshäuser in Berlin agieren hier etliche private Einrichtungen sehr erfolgreich. Das resultiert nicht zuletzt auch aus der Anziehungskraft und der Zusammenarbeit mit den großen staatlichen Museen. Ebenso unstrittig dürfte es sein, dass sich der Staat in diesem Bereich nicht aus der Verantwortung für die Pflege, Präsentation und Finanzierung unserer Kunst und Kultur zurückziehen und sie allein privater Initiative überlassen kann.

Gerade in diesen finanziell schwierigen Zeiten sollten die Unternehmen die Mittel nicht streichen, die ihr Ansehen und Image fördern. Kultur zu fördern zeichnet aus. Der Neubau des Folkwang Museums in Essen ist ein besonders schönes und erfolgreiches Beispiel für ein glückliche Zusammenwirken von Kunst, Kultur und Wirtschaft – hier einer großartigen Unternehmerpersönlichkeit wie Berthold Beitz.

In der Kulturpolitik drückt sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte aus, gleichzeitig ist sie auch Ausdruck unseres fundamentalen Selbstverständnisses als Kulturnation. Vielfalt und Identität spiegeln sich in der Kultur eines Landes. Lebendige Kultur braucht kulturelles Engagement und Einsatz.

Just: Vielen Dank für das Gespräch!