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Der Künstler Nik Nowak hat ein Kettenfahrzeug zu einem 4000 Watt starken Soundsystem umgebaut. Dieses Bassmonster heisst Soundpanzer und ist mit 1,5 Tonnen die bisher gewaltigste Maschine des Berliners. Nowak bestritt auf Einladung von Digital Brainstorming, der Plattform für digitale Kultur und Medienkunst des Migros-Kulturprozent, eine Performances namens «Propaganda».

Best Practice

Migros-Genossenschafts-Bund

Das Migros-Kulturprozent ist der grösste private Kulturförderer der Schweiz. Seit fast 20 Jahren engagiert sich diese Institution auch im Bereich Neue Medien und hat damit Pionierarbeit geleistet. Die Direktorin der Institution Hedy Graber und der Leiter des Fachbereichs Dominik Landwehr erklären in unserem Gespräch Hintergründe und Erfahrungen in diesem Bereich.

Was ist Ihr persönlicher Bezug zu neuen Medien und zur Digitalisierung?

HG: Die aktuellen Entwicklungen in der Digitalisierung faszinieren und überraschen mich gleichzeitig. Social Media eröffnen Perspektiven, die komplett neu sind. Fast gleichzeitig konsumiere ich unterschiedlichste Kanäle online, die mir Informationen liefern, die ich sonst wohl verpassen würde. Meine Arbeit wäre ohne digitale Medien und Computer gar nicht leistbar. Zudem bin ich oft unterwegs. Dank Smartphone und Tablet habe ich so praktisch mein ganzes Büro immer bei mir. Ausserdem habe ich jederzeit Zugriff auf eine umfangreiche Bibliothek von Zeitschriften und Büchern, und dies erst noch in verschiedenen Sprachen.

DL: Ich bin ursprünglich Journalist und habe für Print, Radio und Fernsehen gearbeitet. In diesen Medien hat man die Auswirkungen der Digitalisierung schon sehr früh gespürt. Das Potenzial war mir schon früh klar, und ich habe auch bereits in den 90er Jahren mit eigenen Projekten das Feld erkundet.

Jedes Kind kann heute mit einem Smartphone umgehen. Weshalb muss da die Kulturförderung auch noch mitmischen?

HG: Im Feld der Kultur eröffnen sich enorme Möglichkeiten. Als Kulturförderer ist es unsere Aufgabe, diese zu erkunden und zu erforschen. Gleichzeitig haben diese Entwicklungen aber auch gesellschaftliche Auswirkungen, die wir genau anschauen wollen.

Wo liegen die Grenzen Ihres Engagements?

HG: Die Digitalisierung ist ein epochaler Einschnitt, der die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite erfasst. Dazu gehören nicht nur Kultur und Alltag, dazu gehören zum Beispiel auch Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen. Wir fokussieren unser Engagement auf den Bereich Kultur und Gesellschaft. Selbstverständlich verfolgen wir auch die Entwicklungen im Bereich Handel und Wirtschaft. Mit diesen Fragen befasst sich aber eine Institution, die ebenfalls vom Migros-Kulturprozent gespeist wird: das Gottlieb Duttweiler Institute, kurz GDI. Die Forscher des GDI untersuchen Megatrends und Gegentrends und entwickeln Zukunftsszenarien.

Die Digitalisierung hat auch Schattenseiten: zunehmende Fremdbestimmung, Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Abbau von Arbeitsplätzen.

HG. Wir erleben einen gesellschaftlichen Prozess von grosser Bedeutung, und dieser Prozess hat Licht- und Schattenseiten. Die Schattenseiten tauchen auch in den von uns geförderten Projekten immer wieder auf. Das ist genau in unserem Sinn: Die Kulturförderung des Migros-Kulturprozent ist den aktuellen, für die Gesellschaft von heute und morgen relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet. Dazu gehören Partizipation und Innovation. Gesellschaftliche Entwicklungen werden in vielen Feldern thematisiert.

Welcher Strategie folgt die Förderung des Migros-Kulturprozent im Bereich der digitalen Medien?

DL: Wir fragen in allen Fällen immer zuerst nach der Qualität und der Relevanz der Projekte, ganz gleich in welchen Bereichen. Das ist nicht immer so klar zu bestimmen: Was auf dem Papier gut aussieht, versagt manchmal in der Praxis: Nicht selten haben wir es auch mit aufwendigen und anspruchsvollen technischen Installationen zu tun. Prinzipiell unterscheiden wir zwischen Produktion und Vermittlung. Bei der Produktion unterstützen wir Projekte aus der Schweiz. Bei der Vermittlung muss die Aufführung in der Schweiz stattfinden. Die Projekte müssen einen Bezug zu einer gesellschaftlichen oder ästhetischen Fragestellung bezüglich Digitalisierung haben, sie sollen uns die Augen öffnen, sie sollen mit den Möglichkeiten spielen.

Das tönt etwas abstrakt.

DL: Wir fördern zum Beispiel die Mediengruppe Bitnik. Die Künstler dieser Gruppe befassen sich seit Jahren mit verschiedenen Aspekten des Internets und praktizieren die Methode des Hacking. So haben sie zum Beispiel ein Paket mit einer laufenden Videokamera in die abgeschirmte Botschaft von Ecuador in London geschmuggelt und sind von dort mit Julian Assange in Verbindung getreten. In einer anderen Aktion haben die Künstler Wanzen im Zürcher Opernhaus versteckt und mittels zufällig gewählter Telefongespräche eine ganze Oper live übertragen. Ein anderes Beispiel sind die beiden Schweizer Christoph Wachter und Mathias Jud: Sie machen eine Art künstlerische Untersuchung des Internets und stellen dabei fest, wie das Netz unsere Wahrnehmung beeinflusst. In ihrem neusten Projekt bauen sie ein ultrabilliges Notfall-Ortungssystem für Flüchtlingsschiffe im Meer. Das Projekt ist anspruchsvoll: Es gilt hier eine komplexe Technik mit einfachen und günstigen Komponenten nachzubauen. Zudem muss die Frage der teuren Registrierung gelöst werden.

Assange

Die !Mediengruppe Bitnik erhielt 2013 einen Werkbeitrag für digitale Kultur für ihr Projekt «Delivery for Mr. Assange – Delivery For Ms. X», bei dem das Künstlerkollektiv ein Paket mit einer Webcam an Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft geschickt und die Bilder live ins Internet gestellt hat.

Was unterscheidet diese künstlerische Arbeit von einem Projekt einer politischen Aktivistengruppe

DL: Die Arbeiten  von Christoph Wachter  und Mathias Jud haben oft auch konzeptionelle Aspekte: So geht es ihnen auch darum zu zeigen, wenn einzelne Gruppen von Diensten ausgeschlossen sind, die für andere selbstverständlich sind. Im Fall eines Rettungssystemes geht es um Leben um Tod. Nur wer Zugang hat, hat auch Überlebenschancen. Das ist eine sehr klare Botschaft. Es geht eben um weit mehr als nur Technik. 

Sie verwenden nicht den Begriff Medienkunst, sondern reden von digitaler Kultur.

DL: Die Unterscheidung ist eher akademischer Natur und vielleicht für Kunsthistoriker relevanter als für uns. Der Hintergrund ist Folgender: Wir sind in einem sehr weiten Feld aktiv. Der Begriff Medienkunst wird heute zunehmend als problematisch empfunden, zudem verweist er auf eine relativ klar begrenzte Periode der künstlerischen Aneignung von neuen Medien, die in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Viele der Arbeiten jener Zeit, ich denke hier etwa an Nam June Paik, sind heute Klassiker der Bildenden Kunst geworden. Was wir mit Digitaler Kultur umschreiben, geht aber weit über das Feld der Bildenden Kunst, ja der Kunst überhaupt, hinaus. Es gibt gewissermassen auch einen begrifflichen Freiraum, den wir inhaltlich einlösen möchten.

Digitale Kultur tönt nach viel Technik und grossem Aufwand …

DL: Das ist manchmal so, zum Beispiel, wenn Christoph Wachter und Mathias Jud eine 3-D- Rekonstruktion des Gefangenenlagers von Guantánamo machen. Das geht nur, wenn man die anspruchsvolle Software zur Konstruktion von 3-D-Modellen beherrscht. Es gibt aber auch Projekte, die fast ganz ohne Technik auskommen. Der Fotograf Kurz Caviezel zum Beispiel sammelt seit über zehn Jahren Bilder von Webcams und arrangiert sie zu thematischen Gruppen. Seine Ausstellungen sehen auf den ersten Blick sehr einfach aus, sie bestehen aus Bildern, die an der Wand hängen. Ebenfalls ganz einfach gehts im Bereich des Do-it-yourself, abgekürzt DIY, zu und her: Die DIY-Bewegung versucht ganz bewusst, mit einfachsten Mitteln auszukommen, und setzt die resultierenden Effekte als ästhetisches Mittel ein. So baut die Schweizerische Gesellschaft für Mechatronische Kunst etwa einen ganz einfachen Klangerzeuger, bei dem auch der Zufall eine wichtige Rolle spielt.

Das Kulturbüro gilt auch als Ihre Erfindung.

HG: Niederschwellige Hilfeleistungen für Kulturschaffende – das ist das Konzept unserer Kulturbüros, die es seit 1998 gibt. Heute existieren in Zürich, Bern, Basel, Genf und St. Gallen solche Kulturbüros. Dort können Kulturschaffende kleinere Arbeiten in Gestaltung und Design gleich selber vornehmen und auf professionellen Maschinen drucken, Kleinserien von CDs und DVDs produzieren oder professionelles Video- und Audio-Equipment ausleihen.

Fördern Sie auch im Ausland?

HG. Wir haben den Auftrag, Kultur in der Schweiz zu fördern. Wir fragen nicht nach dem Pass. Das bedeutet, dass unsere Förderung auch ausländischen Künstlern zugutekommt, die in der Schweiz leben. Wir zeigen Werke ausländischer Künstler in allen Sparten, so auch im Bereich Medienkunst.

DL: Wir haben zum Beispiel im Frühjahr 2016 die grossen Soundinstallationen des Berliner Künstlers Nik Nowak präsentiert. Er hat einen Soundpanzer gebaut und thematisiert die Fragen von Gewalt und Sound. Der japanische Künstler Maywa Denki erfindet ungewöhnliche und witzige Musikinstrumente; wir haben ihn schon zweimal in die Schweiz eingeladen. Der Holländer Theo Jansen baut aus Plastikröhren riesige Fantasiewesen, die sich mit Windkraft über den Boden bewegen; auch ihn konnten wir schon zeigen. 

Mit bugnplay.ch sprechen sie gezielt Kinder und Jugendliche an. Kunstvermittlung für Kinder und Jugendliche ist ja im Trend …

DL: Damit hat unser Jugendprojekt nur wenig zu tun: bugnplay ist der Medien- und Robotikwettbewerb des Migros-Kulturprozent. Wir schreiben den Wettbewerb seit 2007 jedes Jahr aus und suchen nach originellen Kreationen. Wir sind dabei sehr offen, sowohl in Bezug auf die verwendeten Technologien als auch in Bezug auf die Thematik. So wird der Wettbewerb auch für uns zu einem Feld, wo wir neue Erfahrungen machen können. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass im Lauf der letzten Jahre bei den eingereichten Wettbewerbsarbeiten Animationsfilmprojekte auf einem hohen technischen NIveau immer beliebter wurden – und die Qualität immer besser. Etwas Ähnliches erleben wir im Bereich Robotik und Games. Wie erlernen Jugendliche solche anspruchsvollen Techniken heute? – Auch hier haben wir Überraschungen erlebt: So spielt zum Beispiel die Videoplattform Youtube eine wachsende Rolle im Bereich des selbstgesteuerten Lernens. Schon vor einigen Jahren erklärte uns eine 16-jährige Teilnehmerin, dass sie sich die erforderlichen Kenntnisse mithilfe von Youtube-Tutorials selbst beigebracht hatte.

Sie haben mit der Reihe EDITION DIGITAL CULTURE auch eine eigene Publikationsreihe. Warum publizieren Sie diese Bücher?

DL: Es geht uns dabei um die Kontextualisierung von Arbeiten, die wir gefördert haben. Nehmen wir zum Beispiel die Mediengruppe Bitnik mit ihren Hacks. In unserem Buch «Hacking» erklären wir, wie sich die Methode des Hackens herausgebildet hat – sie entstand nämlich zunächst im technologiefreundlichen Milieu der Gegenkultur der 70er und 80er Jahre. Wer diese Geschichte kennt, versteht besser, warum Hacking auch eine künstlerische Methode sein kann. Ganz ähnlich ist es uns mit dem letzten Band gegangen, der sich mit dem Begriff Public Domain und dem Remix als künstlerische Methode befasst. Kunstwerke verlieren ja heute in den meisten europäischen Ländern 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers ihren rechtlichen Schutz. Das ist eine riesige Chance und führt in vielen Fällen zu einer Wiederentdeckung alter Werke. 99 Prozent der künstlerischen Produktion verschwinden nämlich ohnehin in den Schubladen, in vielen Fällen auf Nimmerwiedersehen. Auch 2016 – und zwar im Oktober - erscheint ein weiterer Band. Er trägt den Titel „Digital Kids“ und es zeigt das enorme kreative Potential der digitalen Medien und wie Kinder und Jugendliche damit umgehen. Es ist also nicht ein Erziehungsratgeber zum Thema Kind und Computer sondern eine Art Auslegeordnung von kreativen Instrumenten und gleichzeitig eine Absage an eine Pädagogik, die in allem neuen zuerst die Gefahren sieht.

  

HG: Mit dieser Buchreihe verschaffen wir den Künstlern, die wir fördern, eine zusätzliche Plattform. Gleichzeitig erklären wir einem weiteren Publikum den Hintergrund unserer Förderung. Ich glaube, dass gerade dieser Aspekt von zunehmender Bedeutung ist: Es reicht heute nicht, gute Projekte zu fördern. Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Themen der von uns geförderten Projekte in der Gesellschaft ankommen. Die Einzigartigkeit unserer Institution Migros-Kulturprozent besteht darin, Leistungen zur Verfügung zu stellen, die es den Leuten ermöglichen, sich im gesellschaftlichen Wandel zurechtzufinden und aktiv zu partizipieren.

Ist es auch denkbar, dass sie sich aus dem Förderbereich Digitale Kultur einmal zurückziehen?

HG: Denkbar ist vieles. Als privater Kulturförderer setzen wir Akzente und schliessen Lücken. Wir wollen in unterschiedlichen Sparten aktuelle Strömungen aufgreifen. Wer heute als Förderer ernst genommen werden will, muss bereit sein, Projekte, Themen und Formate regelmässig zu hinterfragen.

 

              

Hedy Graber (*1961), Leiterin der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund. Ihre Funktion beinhaltet auch den Aufbau und die Entwicklung des 2012 ins Leben gerufenen Förderfonds Engagement Migros. Hedy Graber ist Präsidentin des Vereins Forum Kultur und Ökonomie, Mitglied des Hochschulrates Luzern, verschiedener Kommissionen, Jurys, Stiftungs- und Verwaltungsräte und wurde als Europäische Kulturmanagerin 2015 ausgezeichnet.

      


Dominik Landwehr (*1958) ist Leiter des Bereichs Pop und Neue Medien in der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund. Er ist unter anderem verantwortlich für die Internetplattform Fehler! Hyperlink-Referenz ungültig., den Jugendwettbewerb bugnplay.ch und das Förderprogramm «Digitale Kultur». Landwehr ist promovierter Kultur- und Medienwissenschafter und publiziert regelmässig in verschiedenen Medien. Seine Beobachtungen zur Digitalisierung hält er unter www.digitalbrainstorming.ch und www.sternenjaeger.ch fest.

 

digital brainstorming: Die Plattform für digitale Kultur des Migros-Kulturprozent www.digitalbrainstorming.ch

bugnplay.ch: Der Medien- und Robotikwettbewerb für Jugendliche des Migros-Kulturprozent www.bugnplay.ch

Kulturbüro: www.kulturbuero.ch

Edition Digital Culture wird herausgegeben vom Migros-Kulturprozent und erscheint im Christoph Merian Verlag Basel. www.merianverlag.ch www.edition-digitalculture.ch

Jahrbuch: 2017