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Erhard Grundl © Erhard Grundl

Fachbeitrag

Klimapolitik in den Mittelpunkt von Kulturpolitik stellen

Warum wir einen Green Culture Desk und einen Green Culture Fonds brauchen

Kunst und Kultur hatten schon immer Vorreiterrollen, wenn es darum ging, gesellschaftlich relevante Fragen zu stellen. In der akuten Klimakrise sieht das anders aus. Die Kulturszene dominiert den aktuellen Diskurs nicht. Es sind die jungen Menschen von „Fridays for Future“, die das Thema prominent in die gesellschaftliche Mitte getragen haben. Die Kulturpolitik des Bundes, der Länder oder der Kommunen hängt bräsig in den Seilen und hat es bisher verpasst, Klimapolitik auch in den Mittelpunkt von Kulturpolitik zu stellen. Das müssen wir ändern. Und wir dürfen dabei nicht zögerlich sein, sondern wir müssen jetzt damit beginnen.

Deutschland hat sich vorgenommen, bis 2030 den Ausstoß an Klimagasen um 55% zu reduzieren. Schon jetzt bestehen Zweifel, ob dieses Ziel erreicht werden kann. Die Corona-Krise überschattet aktuell alles und sie fordert auch die Kulturpolitik in bisher ungekanntem Ausmaß. Ja, wir müssen alles dafür tun, unsere kulturelle Infrastruktur zu retten, aber wir dürfen gleichzeitig die Klimakrise nicht aus den Augen verlieren. Sie ist die zentrale Herausforderung unserer Zeit und zu ihrer Bewältigung müssen alle gesellschaftlichen Bereiche ihren Beitrag leisten, auch der Kunst- und Kulturbetrieb.

Klar ist: Wir sind der Kunstfreiheit verpflichtet. Es ist erfreulich, wenn sich Künstlerinnen und Künstler in ihrer Kunst inhaltlich mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit auseinandersetzen und somit gesellschaftliche Diskurse anregen. Kulturpolitik darf dies aber nie vorschreiben. Kunst ist frei, sich ihre Gegenstände zu suchen, das muss so bleiben!

Kulturpolitik muss aber auf die Herausforderungen und Gefahren der Klimakrise adäquat regieren können. Zu lange haben wir ungeprüft zugeschaut, dass die Kulturproduktion Unmengen an Ressourcen verbraucht. Es geht dabei nicht um das „Bashing“ von Museen, Opern- und Theaterhäusern, Konzerthallen und Clubs, Kinos oder der Filmproduktion. Vielmehr müssen wir den Gegebenheiten ins Auge schauen, um Änderungen voranzubringen. Das haben auch die Spitzen wichtiger Museen in Deutschland erkannt und forderten bereits Ende 2019 in einem offenen Brief an die Kulturstaatsministerin mehr Klimaschutz für ihre energieintensiven Häuser. Hauptforderung des Briefes ist eine zentrale Task Force, die berät und zwischen den Protagonisten und Ministerien vermittelt. Im Brief heißt es: „Kunst und Kultur haben das Potenzial, die Gesellschaft durch neue Ideen voranzubringen. Wir fordern, dass der Kulturbetrieb zum Vorreiter auch im Klimaschutz werden kann.“  Und damit sind sie nicht die einzigen.

Viele Kreative, Kultureinrichtungen und Kulturinstitutionen haben das verinnerlicht und zeigen bereits auf, wie eine ökologisch zukunftsfähige Kulturproduktion aussehen könnte. Sie sind sensibilisiert und mobilisieren für die aktive Bewältigung der Klimakrise, reflektieren ihre eigene Rolle und entwickeln Lösungen. Sie machen vor, wie eine ökologische Transformation der Kulturproduktion vollzogen werden kann, sei es bei Umbauten von Kultureinrichtungen, bei ressourcensparenden Tourneen oder beim klimaschonenden Festival.

Wenn wir es ernst meinen mit der Implementierung von Klimapolitik als neues Handlungsfeld in der Kulturpolitik, dann müssen wir die Akteure und Strukturen stärken, vernetzen und sie ermächtigen, dieses Ziel umzusetzen. Kulturpolitik kann und muss hier die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. In unserem Konzept des Green Culture Desks wollen wir genau das tun: Die vorhandenen Strukturen bottom-up zu einer zentralen Anlaufstelle vernetzen. Dabei sollen dem Green Culture Desk vier zentrale Aufgaben übertragen werden, um Klimaschutz in der Kulturpolitik als Leitmotiv zu verankern:

Säule 1 | Zentrale Anlaufstelle & Beratung: Das Green Culture Desk ist allererste Anlaufstelle für Fragen rund um die ökologische Transformation der kulturellen Einrichtung oder Projekte. Das Desk vermittelt die anfragenden Projekte zielgenau an Expert*innen, macht sie auf öffentliche Förderungen aufmerksam und steht ihnen bei der Beantragung von Fördermitteln mit professionellem Know-how zur Seite.

Säule 2 | Green Consultants - Expert*innen-Pool & Qualifizierung: Kernziel der zweiten Säule des Green Culture Desks ist der Aufbau, die Vernetzung und Qualifizierung eines Green Consultants-Expert*innen-Pools, um die bereits aktiven Akteurinnen und Akteure und Initiativen sichtbar zu machen und als potentielle Berater*innen für anfragende Projekte und Kultureinrichtungen bereitstellen zu können.

Säule 3 | Forschung, Monitoring & Reporting und das Green Culture Tool: Kernziel der dritten Säule ist das Wissensmanagement und der Wissenstransfer, in Form von Forschung, Monitoring und Reporting sowie die Entwicklung eines Green Culture-Tools. Mit dem Green Culture-Tool sollen Energie- und Wasserverbrauch, Abfallerzeugung und Recycling sowie Ressourcenverbräuche bei Reisen und Produktionen gemessen werden können. Die Ergebnisse werden dem Green Culture Desk zur zentralen Evaluierung übermittelt und dienen den Akteuren und Akteurinnen dazu, ihre Umweltstrategien anzupassen. Die Bundesregierung kann die Daten nutzen, um sie als zusätzlichen Beitrag zum Erreichen der Deutschen Klimaziele einzuspeisen.

Säule 4 | Diskurs – Initiierung öffentlicher Debatten: In der Trias „Kultureinrichtungen - Expert*innen – Politik“ sollen regelmäßig Bedarfsanalysen entstehen. Dazu bedarf es öffentlicher Diskurse in Form von Veranstaltungen und Veröffentlichungen der Ergebnisse.

Der Aufbau eines Green Culture Desks, der ökologische Umbau der Kulturhäuser und die Transformation hin zu ökologischen Kulturproduktion kosten Geld. Dies können die Einrichtungen und Kulturakteure und -akteurinnen aufgrund ihrer oftmals angespannten finanziellen Situation nicht selbst aufbringen. Es bedarf daher der öffentlichen Förderung. Ziel muss es sein, zeitnah messbare Einsparungen beim Ressourcenverbrauch in allen Kulturhäusern und bei allen Kulturveranstaltungen zu erreichen. Dafür bedarf es einen Green Culture Fonds, der die notwendigen Mittel zur Verfügung stellt.

Wir sind überzeugt, dass Kulturpolitik alle Unterstützung geben muss, um die Kulturproduktion, -präsentation und -distribution ökologisch zukunftsfähig zu machen. Und dies bei allen öffentlichen geförderten Kultureinrichtungen und Projekten sowie im privaten Sektor der Kultur- und Kreativwirtschaft und in der freien Szene.