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Fachbeitrag

Die Kunst der Nachhaltigkeit

Die Berliner Philharmoniker reisten 2013 in kompletter Besetzung für eine Monate im Voraus ausverkaufte Tournee nach Japan. Das Guggenheim Museum Bilbao lockt seit seiner Eröffnung 1997 kulturinteressierte Touristen aus aller Welt in die baskische Provinz. Mit der 67 Tonnen schweren Stahlskulptur „Bramme für das Ruhrgebiet“ hat Richard Serra 1998 ein Wahrzeichen der Industrieregion geschaffen. All diese willkürlich gewählten Beispiele zeitgenössischer künstlerischer Produktion haben eine große öffentliche Bedeutung entfaltet. Wenn man dieses Beispiel auf den Aspekt der Nachhaltigkeit reduziert, steht auf einmal der CO2-Ausstoß der Interkontinentalflüge der Musiker, der Materialverbrauch und der Energiestandard des Museumsneubaus und die Klimabilanz der Stahlproduktion im Vordergrund.

 Nachhaltigkeit bezeichnet einen Umgang mit den Ressourcen dieser Welt, der sich der globalen sozialen Ungleichheit und der Chancen kommender Generationen bewusst ist, die erstere überwinden und die letzteren erhöhen möchte. Die Umweltkosten im Kunst- und Kulturbereich sind im Vergleich zur chemischen Industrie, zu Kohlekraftwerken oder zur Anzahl der Flugreisen leitender Angestellter von DAX-Unternehmen gering. Das liegt auch an den Produktionsbedingungen eines über Jahre einsam am Schreibtisch geschriebenen Buches, das auf recyceltem Papier gedruckt wird, eines Tanzstücks, für dessen Proben nicht viel mehr als Raum und Licht gebraucht wird, oder eines Ölgemäldes auf Basis natürlicher Öle und Pigmente, das im Zweifel Jahrhunderte überdauert. Außerdem bietet der Kunst- und Kulturbereich seit Jahrzehnten Vorbilder im verantwortungsvollen Umgang mit der Erde. Die 7000 Eichen von Joseph Beuys 1982 oder das 1987 eröffnete Museum Insel Hombroich, welches Biotop und Kunstort in einem ist, stehen dafür beispielhaft. Manche Künstler wie Tino Seghal produzieren ihre Kunst schon seit Jahren möglichst umweltschonend. Die Wiener Philharmoniker leisten Ausgleichszahlungen für ihre Flugreisen.

 All das sagt aber nichts über die Qualität und die öffentliche Bedeutung der jeweiligen Arbeiten oder Institutionen aus. Die Arbeit von KünstlerInnen und Kulturinstitutionen lässt sich nicht am Grad ihrer Nachhaltigkeit messen, weil sie, anders als die Fahrt mit einem Auto oder der Abbau von Manganknollen am Meeresboden, unmittelbaren Funktionen und Verwertungen enthoben ist. Kunst bezieht ihre Bedeutung allein aus sich selbst heraus. Entsprechend kann man Nachhaltigkeit im Kunst- und Kulturbereich nicht auf den Verzicht auf Flugreisen oder auf den Einsatz umweltverträglicher Materialien reduzieren, wie dies in manchen Feuilletonartikeln und auch von einigen Kulturinstitutionen selbst in letzter Zeit getan wird.

 Kunst und Kultur haben einen wesentlichen Einfluss auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Bücher, Kunstwerke, Ausstellungen oder auch Choreografien können zum Denken anstoßen, Gefühle hervorrufen, neue Perspektiven öffnen und Alternativen vorschlagen. Dies gilt gerade hinsichtlich globaler sozioökologischer Ungleichheiten und unseres Umgangs mit der Ausbeutung von Mensch und Natur. Für dieses Verständnis von Nachhaltigkeit spielt Kunst und Kultur eine Schlüsselrolle, man nehme nur Milo Raus „Das Neue Evangelium“ oder Pipilotti Rists „Homo sapiens sapiens“ als Beispiele. Die Fokussierung auf Zahlen – BesucherInnen eines Museums, Einnahmen eines Festivals, CO2-Ausstoß von Konzertreisen – lässt schnell vergessen, welch große Wirkung Kunst und Kultur auf das menschliche Denken und Verhalten haben kann und seit Jahrhunderten hat – eben auch hinsichtlich Aspekte der Nachhaltigkeit. Wenn ein Theaterstück auch nur ein paar Menschen zu einer kritischeren Haltung und einem bewussteren Umgang mit unserer Umwelt bringt, mag das einen größeren und vor allem nachhaltigeren Effekt haben, als der Verzicht, dieses Stück auf Gastspielen im Ausland zu zeigen. Die Kunst der Nachhaltigkeit besteht darin, die – oft vergleichsweise geringen – Umweltkosten und die gesellschaftliche Bedeutung künstlerischen Schaffens in ein Verhältnis zu setzen. Und weiterhin gesellschaftlich relevante künstlerische Positionen zu entwickeln.