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Fachbeitrag

Chor der Statistik

Sammelt Menschen anstatt Daten im lebendigen Archiv

Gammelt rum in unserem Gartenund kocht im Kollektiv

Nehmt euch eine Auszeit Raus aus dem Internet

Versammelt euch im Chor und singt Tenor oder Falsett

We are the brain! Every body

(Chor der Statistik)

Seit vielen Jahren bezeichne ich mich als bedingungslose Chorleiterin des „bedingungslosen Grundeinsingens“ und gründe Chöre in partizipativen Theater-, Stadt- und Dorf-Projekten. In meinem gleichnamigen Theaterstück 2013 in den Sophiensaelen Berlin hatte ich z.B. einen Chor gegründet mit 15 Menschen, von denen wir auf der Bühne behaupteten, sie hätten seit 5 Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Die einzige Bedingung war das gemeinsame Singen.

Seitdem schreibe und singe ich verstärkt gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen, Senior*innen, Geflüchteten, Frauen und anderen Gruppen der Gesellschaft Songs über ihre Zukunft, Beschwerden und Visionen.

Einen Diskurs musikalisch singbar machen oder verschiedene Meinungen in einem Song zu vereinen, ist ein demokratischer Prozess. Der Chor wird nicht als eine homogene Gruppe gleichgeschaltet, sondern ist in seiner Vielstimmigkeit und in seinen Brüchen hör- und sichtbar.

Anders als in Stadion-Fußballchören, Kirchenchören oder in Chören, in denen bekannte Hits geschmettert werden, singen wir Lieder, die etwas mit unserem Leben zu tun haben.

Ich möchte die Sänger*innen ermutigen, ihre Stimme zu erheben, das ist im weitesten Sinne ein politischer Akt und wirkt nachhaltig.

Mit dem mittlerweile 100köpfigen und weiter anwachsenden Chor der Statistik, den ich 2019 im Haus der Statistik Berlin gegründet habe, singen wir im öffentlichen Raum, auch auf Demonstrationen gegen Gentrifizierung, gegen den Klimawandel oder für ein Europa der offenen Grenzen und Solidarität.

Der Chor der Statistik ist der singende Körper einer diversen Stadtgesellschaft und solidarischen Gemeinschaft, in der die schwächsten Sänger*innen der Gruppe von den stärksten mitgetragen werden. Im Corona Lockdown haben wir wöchentlich online weitergeprobt, uns ausgetauscht und mehrere neue Songs einstudiert. Dadurch ist der Zusammenhalt gewachsen, und wir haben viele Chormitglieder aus ihrer Isolation herausgesungen.

Mittlerweile proben wir wöchentlich wieder draußen mit Abstand in einem alten Autoscooter im Innenhof des Haus der Statistik, der eine gute Akustik bietet und Schutz vor Regen.

Aber auch in anderen Chorprojekten hat sich nachhaltig etwas verändert. Für die 200 Kinder und Jugendlichen, mit denen ich 2017 bei der Eröffnung der Weltklimakonferenz in Bonn mein Lied „I’m an island“ oder 2018 in Katowice mein Lied „I need air“ gesungen habe, ist die Bekämpfung des Klimawandels zu einem wichtigen Lebensthema geworden.

Und für den „Chor der Verwandlung“ bei unserem einjährigen performativen Bauhaus 100 Stadtprojekt „Modellfall Weißwasser“ hat das gemeinsame Singen die Perspektiven auf die schrumpfende Stadt nachhaltig verändert.